- Getting ready
- Setting out
- Carrying on
- Finishing off
Diese vier Phasen identifiziert der britische Sozialanthropologe Tim Ingold (*1948) in jedem «process of skill». Ein ‘Prozess der Könnerschaft’ bezeichnet einen Vorgang, der Fertigkeiten für dessen Ausführung erfordert. Dieser Prozess verläuft wie eine Wanderung: Beim Gehen ist der vorherige Schritt im darauffolgenden enthalten und der nächste Schritt entsteht im bereits gesetzten. Es gibt einen übergreifenden Plan («umbrella plan»), ein Ziel ist anvisiert und Schritt für Schritt nähert man sich diesem – beim Wandern einem räumlichen Ziel, im Prozess der Könnerschaft einem Produkt.
Mit diesem Konzept nehmen wir die zwei Stickprozesse – von Hand und mit Maschine – in den Blick: Welche Tätigkeiten fallen in den vier Phasen an? Wir stellen diese in vier Logbuch-Einträgen einander gegenüber.
Der Text beruht auf Ingold, Tim (2006). ‘Walking the Plank: Meditations on a Process of Skill.’ In: Dakers, J.R. (eds) Defining Technological Literacy. Palgrave Macmillan, New York. Die Anwendung auf den Hand- und den Maschinenstickprozess hat das Projektteam erarbeitet.

Handsticken
Welches Motiv will ich sticken? Welche Nadel, welchen Faden, welchen Stoff wähle ich dafür? Zeichne ich vor – direkt auf meinem Material oder einem Blatt Papier? Sticke ich frei und lasse mich von den entstehenden Ideen treiben? Ich plane meine Arbeit grob und habe dabei das grosse Ganze im Blick. Diese Phase grenzt sich deutlich von den anderen ab.

Programmiertes Maschinensticken
Welches Motiv will ich sticken? Welche Programmierumgebung, welche Farben und welchen Stoff wähle ich dafür? Mache ich eine Skizze auf Papier? Ich plane meinen Programmcode grob und setze mich an den Computer.

Handsticken
Mit dem gesamten Aufgabenfeld im Hinterkopf verengt sich mein Blick nun auf das, was konkret vor mir liegt: Ich beginne zu sticken, erste Stiche zeigen sich auf dem Stoff. Ich muss dafür den richtigen Moment erwischen: Der altgriechische Begriff «kairos» bezeichnet die Fähigkeit zu spüren, wann die Zeit gekommen ist, um anzufangen. Von nun an konzentriere ich mich jeweils auf den Stich, den ich gerade ausführe. Mein Plan gibt mir die Richtung vor, lässt aber jederzeit Freiheiten.

Programmiertes Maschinensticken
Ich beginne damit, mein Motiv im Detail festzulegen. Dann teile ich mein Motiv in einzelne Elemente auf, die ich nacheinander programmiere. Dabei habe ich den gesamten Prozess und das erwünschte Ergebnis im Blick.

Handsticken
Ich finde meinen Rhythmus, die Stiche gehen mir flüssiger von der Hand. Diese Phase ist in der Regel die längste, aber auch die entspannteste des gesamten Prozesses: im flow, den konkreten Arbeitsprozess und das entstehende Werk unmittelbar vor Augen, vorsichtig das Ziel im Blick. Die Hände arbeiten im besten Fall selbstständig, und erlauben mir zu plaudern oder Gedanken nachzuhängen.

Programmiertes Maschinensticken
Ich übersetze jeden Stich (bzw. jede Stichserie) der Elemente meines Motivs nacheinander in Code. Ich finde meinen Rhythmus im Programmieren; wenn das Motiv sich wiederholende Elemente aufweist, kann ich Sequenzen des geschriebenen Codes erneut verwenden. Jeweils nach dem Beenden der Code-Sequenz für ein Element, lasse ich die Simulation probeweise die entsprechende Passage des Programms ausführen. Das Programm macht genau das, was ich gecodet hab; es zeigen sich Fehler, die ich behebe und mit erneutem Simulieren kontrolliere. Es folgen Iterationen, in denen ich den Code verbessere; ich bin im flow.

Handsticken
Ich sehe nun, ob meine Arbeit wie gewünscht ausfällt, meine Erwartungen übertrifft oder aber nicht erfüllt. Ich führe in diesem Gefühl die letzten Stiche meiner Stickerei aus. Ergänze ich ein Element, lasse ich etwas Geplantes weg? Oder empfinde ich das Werk am Ende als gescheitert und bessere nach? Gegen Schluss nehme ich wieder die gesamte Stickerei in den Blick, fokussiere weniger auf das Detail, das ich gerade bearbeite. Eine scharfe Abgrenzung zur vorherigen Phase gibt es nicht. Am Ende entsteht ein Unikat, das nachstickbar ist, aber nicht identisch reproduzierbar.

Programmiertes Maschinensticken
An einem gewissen Punkt entscheide ich, dass ich das Programm nicht mehr mit einem Aufwand, der zu rechtfertigen ist, optimieren kann. Das Programm ist mein Werk; es ist ein Unikat. Mit dem Programm kann ich die Stickerei unendlich oft reproduzieren solange Material, Stickmaschine und Elektrizität vorhanden sind. Diese Stickerei ist, bei Verwendung desselben Materials und derselben Maschine, ein Serienprodukt.

