Mit Nadel, Code und Faden
«Treffen sich eine Informatikerin, eine Ethnologin und eine Stickerin …» Was klingt wie der der Anfang eines Witzes, ist die Ausgangslage eines Forschungsprojekts. Das Projekt «Partners in a Trading Zone», gefördert von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen, bringt Vertreter:innen völlig fremder Disziplinen zusammen: Informatiker:innen der Pädagogischen Hochschule Zürich auf der einen Seite; Ethnologinnen und eine Handstickerin des Völkerkundemuseums der Universität Zürich auf der anderen. Ziel ist, dass die beiden Parteien miteinander reden und dabei zu Erkenntnissen gelangen, die in einer Welt der fortschreitenden Digitalisierung über den Rahmen des Projekts hinaus erhellend sind.
Alle Beteiligten verbindet eine Tätigkeit: Das Sticken. Die Informatiker:innen programmieren Stickmaschinen, die Ethnologinnen erforschen menschliche Fertigkeiten wie beispielsweise das Sticken, die Stickerin beherrscht das Handwerk und kennt als ethnologische Textilrestauratorin Stickkulturen aus der ganzen Welt. Das Sticken ist das «Boundary Object» in diesem Projekt. Diesen Begriff prägte Peter Galison in seinem Konzept der «Trading Zone» (1997): Parteien aus unterschiedlichen Disziplinen verhandeln einen Gegenstand, den beide kennen. Die Programmierer:innen sticken mit Code und Maschine; die Handstickerin stickt mit Nadel und Faden – es entstehen in beiden Fällen Muster auf Stoff. Aber was geschieht im Detail? Welche Gemeinsamkeiten gibt es, welche Unterschiede? Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den beiden Prozessen führt rasch über technische Aspekte aus.

Wie läuft dieses Projekt ab?
Primäres Ziel ist Verständigung zwischen den Disziplinen Informatik und Ethnologie, und die daraus resultierenden Erkenntnisse. Diese Annäherung ist ergebnisoffen; entsprechend entwickelt das Projektteam die nächsten Schritte fortlaufend. Die Beteiligten gewähren sich gegenseitig Einblick in ihre Disziplinen (Informatik bzw. Ethnologie) und ihre Fertigkeiten (Handsticken bzw. Maschinensticken). Sie tauschen sich dazu aus, welche Qualitätskriterien für sie gelten, was ein Erfolgserlebnis und was Glücksgefühle auslöst. Das Durchführen einer «Skill Analyse» (1993) nach dem Technikethnologen François Sigaut ermöglicht den Vergleich der zwei untersuchten Stickarten. In öffentlichen Workshops bringen sich weitere interessierte Personen ein. Sekundäre Ziele des Projekts sind Unterrichtsmaterialien für die Informatikdidaktik und ein Kursangebot bei Schule+Kultur, der kantonalen Fachstelle für Kulturvermittlung.
Wie werden die Fortschritte dokumentiert?
Die «Partners in a Trading Zone» erwarten eine Annäherung zwischen ihren Disziplinen. Diesbezüglich erhobene Daten bilden sich in einer «Verständniskurve» ab: In Fragebögen äussern sich die Beteiligten zum subjektiv empfundenen «Verständnisgrad» und Logbucheinträge illustrieren die Projektstadien. Fotos, Filmsequenzen und Stickproben dokumentieren die Zusammenarbeit. Das Projekt soll auch spielerischen und experimentellen Formen des Austauschs, der Reflexion und der Dokumentation Raum bieten. Die Beteiligten setzten darauf, dass dennoch – oder gerade deswegen – anders als bei einem Witz nicht lediglich eine gute Pointe, sondern ein ernsthafter Beitrag zur Digitalisierungsdebatte resultieren wird.
Warum ist dieser Austausch wichtig?
«Ethnolog:innen beschäftigen sich mit praktischem Wissen in der Welt. In unserem Projekt schauen wir auf das vielfältige Stickwissen in der Welt. All diese stickenden Menschen definieren, was für sie Könnerschaft im Sticken ist. Was passiert, wenn diese Könnerschaft auf die Digitalisierung trifft? Geht dann Handwerkswissen verloren? Oder schafft die Programmierung einen Mehrwert? In diesem Projekt loten Ethnolog:innen und Informatiker:innen gemeinsam Räume der Verständigung aus, damit wir relevante Fragen in diesem Feld beantworten können.»
Mareile Flitsch, Professorin für Ethnologie
und Direktorin Völkerkundemuseum der Universität Zürich
«Das Digitale ermöglicht uns zum Beispiel das Programmieren von Stickmaschinen. Aber sind wir uns darüber im Klaren, weshalb wir diese Möglichkeit nutzen? Welche Auswirkungen hat der Einsatz von programmierbaren Stickmaschinen? Wird so das Handwerk abgelöst? Falls ja, was bedeutet dieser Verlust? Und: Wenn wir Muster anderer Kulturen nachsticken, stellen sich da nicht auch Fragen nach dem Urheberrecht?»
Thomas Schmalfeldt, Professor für Informatikdidaktik
an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Initiator des Projekt
Text von Melissa Caflisch

